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Der Todesgeruch des Alkohols
von Jana Spiller
Holly wachte auf. Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, das es ein Uhr Morgens war und sie hörte, wie die Tür zu knallte und ihre Mutter lachend mit ihrem Freund Phil rein kam. Phillip war eigentlich ganz ok, aber die beiden kamen immer so spät von ihren nächtlichen Ausflügen und weckten so Tom auf, ihren kleinen Bruder. Er war erst ein Jahr alt und schrie bei jeder Gelegenheit. Trotzdem hatte Holly ihn lieb. Also stand sie schon mal auf, um zu seinem Zimmer zu gehen, weil ihre Mutter und Phil sich bestimmt nicht darum kümmern würden, sondern müde in das große Ehebett fallen würden. In diesem Moment ging das Geschrei auch schon los und Holly stürmte zu Toms Bett um ihn zu beruhigen. Nach ungefähr einer halben Stunde schlief Tom wieder, von unzähligen Liedern und Geschichten müde geworden. Auch Holly schlurfe wieder zu ihrem Bett, ein kurzer Blick in das Schlafzimmer ihrer Mutter genügte, um zu bestätigen das die beiden schon in den schönsten Träumen waren. Müde ließ sie sich in ihr Bett fallen und war auch gleich eingeschlafen.
Am nächsten Morgen weckte sie das Klingeln des Weckers unsanft aus ihrem Schlaf. Sich die Augen reibend stand sie auf und ging ins Bad um sich frisch für die Schule zu machen. Ihre Mutter war schon fröhlich summend in der Küche am Werk, Tom angezogen und fertig für die Krabbelgruppe, zu der ihre Mutter Tom immer brachte während sie zur Arbeit ging, saß selig lächelnd in der Küche und betrachtet eine Karotte, als wäre sie das tollste auf der Welt. Als Holly geduscht und angezogen in die Küche kam, stand schon alles auf dem Tisch und hungrig setzte sich das Mädchen, um das Müsli herunter zu schlingen. Als sie fertig war, schnappte sie sich ihre Tasche und ging zur Schule.
In der Pause traf sie sich mit ihrer Clique in einer Ecke. Lars, Danni, Yanna, Felix und Abby, die eigentlich Abora hieß und ihre Eltern für diesen Namen hasste. „Hi Holly, da biste ja endlich. Guck mal, was Lars aufgetrieben hat!“,begrüßte Abby sie und Lars ließ eine Flasche unter seinem Mantel hervor blitzen. „Wasn das? Doch nicht...ihr habt hier her Alk mit gebracht? Was ist wenn die Lehrer uns erwischen, Mann?“, flüsterte Holly erregt, aber Yanna winkte ab. „So was merken die doch nicht. Die sind doch so blind wie Maulwürfe. Denen kannste das vor die Nase halten und die kriegens nicht mit“, sagte sie grinsend und öffnete die Flasche auch gleich, um einen Schluck daraus zu trinken. Die Flasche machte die Runde und auch Holly trank einen Schluck, den sie wollte vor der Gruppe nicht als Feigling da stehen. Die Pause war schnell vorbei und noch schneller war die kleine Flasche geleert.
Als Holly nach Hause kam, hörte sie weinen und das Geschrei von Tom. Besorgt ging sie in die Küche. Da saß ihre Mutter, das Gesicht in die Hände gelegt und ihr Bruder laut schreiend am Küchenboden. Schnell warf Holly die Tasche hin und nahm Tom auf ihren Arm, der gleich darauf still war. Das Mädchen setzte sich gegenüber ihrer Mutter. Vorsichtig fragte sie: „Was ist denn, Mama?“. Ihre Mutter sah auf, das Gesicht rot und verweint Kurz noch schluchzt sie, dann murmelt sie: „Hab gar nicht gemerkt, dass du schon da bist. Nichts ist, hab halt meinen Job verloren...“,sie zögert kurz, dann bricht es aus ihr heraus, „Und..und ich habe mit Phil Schluss gemacht, er hat mich mit so ner dummen Schlampe betrogen!“ Erst jetzt bemerkte Holly die vielen leeren Bierflaschen neben ihrer Mutter. „Ich geh jetzt lieber“, murmelte sie verstört. Sie sand auf und verließ die Küche fluchtartig mit Tom auf dem Arm. Sie setzte sich an ihren Schreibtisch um Hausaufgaben zu machen und Tom auf den Boden, wo einige Autos verstreut waren. Der Kleine stürzte sich begeistert auf die Autos und Holly machte sich an ihre Hausaufgaben, in Gedanken aber bei ihrer Mutter. Als sie endlich fertig war, ging sie wieder in die Küche, um nach ihrer Mutter zu schauen. Diese lag mit dem Kopf auf dem Tisch und schnarchte laut. Traurig ging sie wieder aus der Küche, schnappte sie Tom, den sie bei der Nachbarin ablieferte, die ihn vergötterte. Schnell geing sie aus dem Haus, in den Park, wo ihre Clique schon wartete.
Am nächsten Tag wurde es nicht besser mit ihrer Mutter und auch nicht am übernächsten, den ganzen Monat lang soff sie bis zur Besinnungslosigkeit. Holly kümmerte sich um Tom und den Haushalt und ging neben bei noch mit ihrer Clique in die Disko oder auf Partys. Aber trotzdem erzählte sie niemanden, was bei ihr los war. Ihre Mutter vermüllte alles und wurde immer mehr zu einem Wrack.
Eines Tages schien es ihrer Mutter besser zu gehen und Holly ließ Tom bei ihr. Fröhlich ging sie mit ihren Freunden zu einer Party bei einem Klassenkameraden. „Das wird der absolute Knaller!“, freute sich Abby. „Ja, es wird richtig geil! Da gibs auch ne große Auswahl an Jungs.“, stimmte ihr Yanna zu und strich ihren Minirock glatt. Auf der Party trafen sie auch Danni, Lars und Felix, die schon auf sie gewartet hatten. Überall gab es Bier, Alkopops und was das Trinkerherz sonst noch begehrt. Holly lernte auch Nils kennen, der zwar schon neunzehn war, also drei Jahre älter als sie, aber das war ihr egal, denn er war total nett zu ihr und sie verliebte sich Augenblicklich in ihn. Sie lehnte aber Alkohol ab, in Gedanken an Tom. Dann tauschten sie noch Handynummern und Holly ging nach Hause. Als sie dort war, suchte sie ihre Mutter und Tom und kam in die Küche. Sie musste einen Schrei unterdrücken, denn dort war ihre Mutter, stock besoffen und saß in ihrem eigenem Erbrochenen. Als sie Hollys entsetzten Blick sah, murmelte sie: „Die ham uns die Wohnung gekündigt.“ Holly sah sie noch kurz geschockt an, dann ging sie durch die Wohnung um Tom zu suchen. Als sie ihn nicht fand, kam sie wieder in die Küche. Erst jetzt sah sie das geöffene Fenster. Angstvoll sah sie auf ihre Mutter und fragte langsam: „Wo ist Tom?“ Ihre Mutter druckst rum, bis Holly noch einmal fragte: „WO IST TOM?“. „ Der...der hat so geschrien, da hab ich ihn raus geworfen...is selber selber schuld, der kleine Scheißer.“, sagte sie lallend. Alles Blut wich aus Hollys Gesicht und sie rannte zum Fenster. Der Hof lag fünf Stockwerke unter ihr, aber sie konnte in der Dunkelheit eine kleine Gestalt ausmachen. Entsetzt drehte sie sich um, raste die Treppe hinunter und auf den Hof. Und da lag Toms kleine Gestalt, regungslos und von einer Blutlache umgeben. „Nein“, flüsterte Holly weinend, „Nein, bitte nicht! Tom, wach auf, bitte, wach auf!“ Zuletzt schrie sie, bis die Leute aus dem Haus kamen, verärgert zu dieser Zeit geweckt zu werden. Dann sahen sie die kleine Leiche in den Armen des Mädchens und einer rief den Notarzt und die Polizei. Der angekommene Arzt konnte nichts mehr für den Jungen tun und die Polizei führte nach der Befragung Hollys ihre Mutter ab. Holly durfte erst mal zu Hause bleiben, konnte aber nicht schlafen.
Bis jemand, der sie zu sich nehmen wollte, gefunden war, dauerte es noch lange. Also lebte Holly in der Wohnung, die Nachbarin schaute ab und zu bei ihr vorbei. Holly aber verfiel dem Alkohol, in dem sie ihren Schmerz zu ertränken versuchte. Auch ihre Freunde tranken immer mehr. Eines Nachts gingen sie wieder zusammen auf eine Party und Holly sah Nils wieder, der gleich auf sie zu kam. „Schön dich wieder zu sehen Holly. Ich hab dich schon vermisst.“, flüsterte er ihr ins Ohr. Holly errötete leicht und ging mit ihm tanzen. Nils war so charmant zu ihr und sie verstanden sich bald prima. Sie lehnte auch nicht wie beim ersten mal das Bier ab, das er ihr gab und trank ein um das andere. Dann gab Nils ihr noch ein Bier , in das er vorher etwas rein getan hatte. Nach kurzer Zeit wurde Holly ganz schummrig zu Mute und sie wurde halb bewusstlos. Nils zerrte sie in eine kleine Sackgasse zu einem Auto in dem einige Freunde von ihm saßen. Sie lächelte alle an und fühlte sich großartig, obwohl sie total besoffen war. Nils schubste sie ins Auto und sie hörte noch, wie er sagte: „Ich bin aber zu erst dran, ja? Danach könnt ihr.“ Dann sackte sie weg und merkte nichts mehr. Sie wachte nur noch mal kurz auf, als sie ein anderes Mädchen schreien hörte und fühlte einen Körper über sich, wurde dann aber wieder bewusstlos.
Als sie wieder aufwachte, lag sie in einem Feld, wusste nicht wo und wieso. Sie sah an sich herunter und schrie auf. Sie war bis auf eine Decke nackt und blutverschmiert. Neben ihr lag noch ein anderes Mädchen, auch sie war nackt. Schnell schlang sie die Decke um sich und ging zur Straße herauf. Endlich kam ein Auto vorbei, eine junge Frau stieg aus und blickte Holly entsetzt an. „Was ist denn mit dir passiert?“, fragte sie, musterte das blutverschmierte, weinende und nur in eine Decke eingehüllte Mädchen. Holly erklärte mit knappen Worten was wahrscheinlich passiert war und zeigte ihr auch das andere Mädchen, das noch im Feld lag. Die Frau rief den Notarzt und beide wurden im Krankenhaus untersucht. Holly konnte schnell wieder entlassen werden und wurde von der Polizei zu ihrer Tante geracht. Diese Tante behandelte Holly wie ihr eigenes Kind und kümmerte sich liebevoll um sie. Holly aber wich ihr immer aus und trank mehr als vorher. Nach vier Monaten bei ihrer Tante, bemerkte Holly,das ihre Regel nicht mehr kam und das sie langsam dick wurde. Panisch holte sie sich einen Schwangerschaftstest, der ihr ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigte: Sie war schwanger. Psychisch kaputt, trank sie immer mehr.
Eines Tages stieg sie aus der Bahn aus, total verheult. Sie war bei einer Party gewesen, hatte Nils getroffen, der sie aber abgewiesen hatte, wollte nichts von ihr und dem Kind wissen. Als sie auf die Bahnhofsuhr schaute, sah sie, dass es gerade mal fünf Uhr abends war. Weinend ließ sie sich auf eine Bank nieder, die Leute nicht beachtend, die an ihr vorbei gingen, sie merkwürdig oder mitleidig ansahen. Als alle Personen vom Bahnsteig gegangen waren, als niemand sie mehr sah, fasste sie einen Entschluss. Stumm weinend sprang sie auf die Gleise und ging zu den ICE Gleisen. Niemand da, der sie aufhalten hätte können. Sie stellte sich hin und schloss die Augen. Dachte an Tom, den sie bestimmt wieder sehen würde. Dann hörte sie das Dröhnen des Zuges, breitete die Arme aus und wartete auf ihren Tod.
Am nächsten Tag stand groß in der Zeitung: ICE überfährt Person Am Freitag, dem 31.8. wurde eine noch nicht identifizierbare Person von einem ICE überfahren. Die Polizei geht von Selbstmord aus. Der Zugfahrer steht unter Schock und ist im Krankenhaus in Behandlung. Er konnte der Polizei von einer jungen Frau, ca.16 Jahre alt, berichten die auf den Gleisen stand, er hatte nicht so schnell bremsen können und riss sie mit sich. Am Ort des Geschehens konnte keine vollständige Leiche geborgen werden. Noch ist nicht klar, warum sich das Mädchen umgebracht hat. Was bewegt die Jugend von heute zu so einer Tat?
Was der Journalist nicht wissen konnte, war, dass Alkohol ihr Leben zerstört hatte.

